Der nächste Trend in Sachen UI? macOS Big Sur und Neumorphism
Eine halbe Woche nach der WWDC Keynote kocht der Hype langsam runter und die Beta-Nutzer entdecken, was macOS Big Sur alles bringt - im vollen Detail. Speziell das neue Aussehen mancher Icons weckt allerdings neugierige Blicke auf sich. Neumorphism ist der Name der Zukunft.

Für Nutzer die sich bereits mit macOS Big Sur über die Entwickler-Beta auseinandersetzen durften, sind neben den neuen Features auch viele kleinere Veränderungen aufgefallen. Speziell auf der visuellen Seite hat Apple so ein paar neue Schritte gewagt, die für manche mehr und manche weniger über dem bisherigen Look vorgezogen werden. Die Rede ist vom Wechsel von flachen Texturen auf eine Sub-Art des Skeumorphism, das sogenannte Neumorphism - keine Sorge, diese Begriffe zu kennen ist keine Voraussetzung um Apples neue visuelle Strategie zu verstehen, denn Grafik-Designer Jack Koloskus von den Technik-Magazinen Input und The Outline gibt einen Einblick in "die nächste Welle von UI Design".
Als generelle Faustregel der letzten Jahre in Sachen visuelles Design von Logos, Icons und Marketing werden minimalistische Designs über allen anderen bevorzugt. Seit Anfang der letzten Dekade haben Unternehmen aller Art ihre teils ikonischen, geschichtsträchtigen Logos für eine mehr minimalistische, flache Variante gewechselt um einfacher fürs Auge zu sein und mehr Nutzer anzulocken. Flache Designs, lebhafte Farben und simple Formen sind bewiesenermaßen effektiv um neues Publikum aufmerksam zu machen. Als bestes Beispiel kann man hier das Logo von Windows beobachten - während Windows 7 noch die klassischen 4 Farben mit einem realitätsnahen 3D-Design (Skeumorphism in Aktion!) kombinierte, führte Windows 8 ein komplett blaues, flaches und simples Design ein. Windows Surface besteht sogar nur noch aus vier geometrisch einwandfreien Quadraten. Und so verhielt sich der Trend der letzten Jahre auf allen Ebenen: egal ob Instagram oder Google, Logos oder Icons, der Minimalismus regiert. Aber nun erklärt Koloskus dass "das Pendel begonnen hat, zurück zu schwingen".

Von 3D auf 2D - und wieder zurück?
Während auch Apple über die letzten Jahre immer flachere und simplere Icons in den jeweils neuesten Betriebssystem-Updates hinzugefügt hat, kann man in macOS Big Sur eine leichte, jedoch designtechnisch schwerwiegende Veränderung beobachten: die Icons von Fotos und Messages, unter anderen, sind nicht mehr komplett flach sondern besitzen Schatten und Kurven die jene wie 3D-Formen aussehen lassen, jedoch immer noch den minimalistischen Touch behalten. Dies benennt Koloskus als Neumorphism und erklärt den Hintergund dazu:
"Wenn man es auf den Punkt bringen will ist Neumorphism der Fokus darauf, wie sich Licht in einem dreidimensionalen Raum bewegt. Der Vorgänger davon, Skeumorphism, hat Realismus in digitalen Interfaces geschaffen indem Texturen auf Oberflächen simuliert wurden, wie der Samt auf einem Pokertisch oder das geschliffene Stahl eines Bandgeräts. Ein ergänzender - aber weitestgehend unterentwickelter - Aspekt dieses Design-Styles war das Licht, welches realistisch mit den präsentierten Materialien reagiert hat. Das ist der Grund, warum Schatten und Dunkelheit bei diesen Interfaces so verbreitet war.
Aber die Simulationen von Licht und Textur die für diese Designs gemacht worden sind, waren trotzdem relativ simpel: welche Objekte sind schimmernd und welche sind rau? Welche Objekte sind transparent und welche sind undurchlässig? Jene waren im Endeffekt zweckdiendende und oftmals arbiträre Entscheidungen. Was Neumorphism von den Vorgängern abgrenzt, ist dass der Fokus auf dem Licht selbst liegt und wie jenes mit einer Reihe an Objekten in einem komplett digitalen Raum umgeht. Die Simulationen von Licht sind im Neumorphism komplexer und darauf fokussiert, wie die Beleuchtung eines Objektes ein anderes, oder die Funktion eines anderen, affektieren würde."

Frischer Wind, der nicht jedem gefällt
Der Wandel von 2D zurück auf eine dreidimensionale Fläche gefällt allerdings nicht jedem. Minimalismus und simple Formen haben ihre Anhänger, und davon mehr als genug - Koloskus betont jedoch, dass die anfängliche negative Rezeption zum großen Teil einfach an dem Schock vor Veränderung begründet ist.
"Es gibt ein unbezweifelbares Features welches Neumorphism so reizvoll wirken lässt: es sieht neu aus. [...] Neumorphism ist weit genug von dem entfernt woran sich Nutzer gewöhnt haben, dass es tatsächlich wie eine neue Sprache wirkt. Dieser Unterschied ist wertvoll, vor allem für ein Unternehmen wie Apple welches ihr Betriebssystem zum ersten Mal seit 19 Jahren auf eine neue, nummerierte Version bringt. [...] Also warum sieht Apples Versuch etwas... komisch aus? Wie vorhin genannt ist das konzeptuelle Framework von Neumorphism noch recht neu, und in der Welt des Designs existiert noch viel Resistenz dagegen. [...] Das Experimentieren mit Formen wird immer schwer mit der Nutzbarkeit in Sachen Interface zu balancieren sein, aber das heißt nicht dass man damit komplett aufhören sollte."
Inwiefern Apple in der öffentlichen Beta im Juli oder später mit dem vollen Release von Big Sur weiter mit Neumorphism vordreschen wird, bleibt abzusehen. Die Rezeption der Nutzer wird definitiv eine große Rolle in der Entscheidung spielen.
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